Mit den Worten «Ce n’est pas très beau» beendet Friedrich Glauser (1896–1938) ein Jahr vor seinem frühen Tod seinen Lebensbericht. Dada und Morphium, psychiatrische Anstalten und die Fremdenlegion, eigene Inhaftierungen und Kriminalromane bestimmten sein Dasein. Seit «Wachtmeister Studer» (1936) gilt Glauser als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren. Die Ausstellung «Ce n’est pas très beau» im Strauhof in der Altstadt von Zürich, welche am 5. Februar im Rahmen des Jubiläums dada100zuerich2016 eröffnet wird, zeichnet die Stationen von Glausers Leben nach und horcht auf die Zwischentöne seines Schreibens. Sie dauert bis 1. Mai.

Strauhof Zürich: Friedrich GlauserGlauser ist als einziger Schweizer Autor 1916 an der Entstehung der Dada-Bewegung in Zürich beteiligt, doch erst 20 Jahre später feiert er mit dem «Wachtmeister Studer» einen ersten Erfolg. Die nüchterne, mit Dialekt versetzte Sprache, das Wechselspiel zwischen wirklichkeitsnaher Inszenierung und dramatisierter Wirklichkeit sowie Abgründe und Schicksalsschläge sind die Bausteine von Glausers «nicht ganz so schöner» Welt. Ob Psychiatrie, Gartenbauschule, Bauernhof oder Fremdenlegion – seine eindringlichen Milieustudien und seine Schilderungen menschlicher Abgründe wirken bis heute. Diese Stimmungen finden sich entsprechend in der Ausstellungsarchitektur und der Lichtführung wieder.

Friedrich Glauser im Strauhof

Die Ausstellung beginnt mit fünf zentralen Themen von Glausers Leben und Literatur: Glauser als Fall für die Behörden; Glauser und das Schreiben; Glauser und der «Cafard»; Glauser als Un/Schweizer sowie Glauser als Internierter. Folgende Expertinnen und Experten verschiedener Fachgebiete kommentieren dazu ausgewählte Zitate: Sabina Altermatt (Autorin), Christa Baumberger (Co-Kuratorin), Hannes Binder (Illustrator), Bernd Echte (Verleger), Martin Killias (Kriminologe) und Daniel Strassberg (Psychiater). Ihre gefilmten Statements gewähren erste Einblicke in Glausers Welt. Die unterschiedlichen Aussagen spiegeln zudem die Bandbreite der Zugänge zu Glauser wie auch seine Aktualität. Die Runde versammelt sich am 7. April um 19.30 Uhr zu einem Gespräch im Literaturhaus Zürich, das von Manfred Papst moderiert wird.

Es folgt der Lebensweg des Schriftstellers: Friedrich Glauser, als Sohn eines Schweizers und einer Österreicherin 1896 in Wien geboren, verbrachte über zehn Jahre in psychiatrischen Kliniken und Haftanstalten – diese Internierungen erlaubten ihm aber auch, seiner schriftstellerischen Berufung nachzugehen. 1938 verstarb er, am Vorabend seiner Hochzeit, mit nur 42 Jahren.

Strauhof Zürich: Friedrich GlauserSeit den 1980er Jahren illustriert Hannes Binder Glausers Werke. Er prägt mit seinen grossformatig reproduzierten Zeichnungen die Atmosphäre der Räume im Obergeschoss. Am Anfang seines literarischen Schaffens stehen Glausers Auftritte an den Zürcher «Dada»-Soiréen, von denen nur spärliche Spuren erhalten sind. Durch diesen Zugang erschliessen sich drei Räume, die seine Hauptwerke «Gourrama» und «Matto regiert» sowie seinen Protagonisten «Wachtmeister Studer» thematisieren. Abschliessend wendet sich die Ausstellung diversen Originaldokumenten zu Leben und Schreiben Glausers zu. Die Dokumente und Akten, Manuskripte und Erstausgaben stammen aus den Beständen des Schweizerischen Literaturarchivs (SLA), aus dem Stadtarchiv Zürich und der Privatsammlung des Verlegers Bernhard Echte.

Literarische Hinterlassenschaft

Der Fremdenlegionsroman «Gourrama» schildert den weitgehend ereignislosen Alltag in einem abgelegenen Posten in der marokkanischen Wüste. Analphabeten und Adlige, Dichter und Säufer machen aus dem Posten eine Bühne für Gestrandete aus ganz Europa. Statt Abenteuer schildert Glauser Charaktere – ganz langsam nur verdichten sich die Spannungen zwischen den Legionären zur Revolte aus Langeweile.

Zu «Matto regiert» schreibt Glauser: «Daneben spukt mir ein großer Roman über Münsingen im Kopf herum, aber ich hab Angst dranzugehen. Wissen Sie, es müßte so eine Art Querschnitt werden, mit den tenants et aboutissants der Insassen eines solchen Baues; die Grenzenlosigkeit des Netzes, das um die Anstalt liegt, mit den verschiedenen Schicksalfäden, die sich kreuzen u. knoten, müßte möglichst deutlich herausgearbeitet werden» (Brief an Gertrud Müller, 7. Februar 1932). Es dauert weitere vier Jahre bis der Roman erscheint. Die Ermittlungen um den verschwundenen Direktor bieten umfassenden Einblick in den Betrieb einer psychiatrischen Anstalt um 1930.

strauhof4In den letzten drei Lebensjahren schreibt er fünf Romane, in deren Mittelpunkt ein eigensinniger Fahnderwachtmeister der Berner Kriminalpolizei steht. Der gmögige Brissagoraucher folgt mit Geduld und viel Verständnis für die Gestrauchelten seiner Intuition, verfügt aber auch über Kenntnisse der neuesten Ermittlungsmethoden. Spielfilme, Theaterinszenie-rungen und Hörspiele von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart belegen die Beliebtheit der Figur Studer ebenso wie Glausers anhaltende Aktualität: Verfilmungen von Leopold Lindtberg (1939) und Sabine Boss (2001); Hörspiel von Markus Michel (2007); Dokumentarfilm von Christoph Kühn (2012); vertonte Lesung des Glauser Quintetts (2012); Aufführung im Schauspielhaus Zürich (2014).

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