Seit seinen Anfängen steht der Tourismus in fruchtbarer Wechselbeziehung mit den Künsten. So gehen Landschaftsfotos, wie wir sie in Reiseprospekten finden, häufig auf die Landschaftsmalerei zurück und Landschaftsbeschreibungen haben ihre Pendants in Texten der (realistischen) Literatur. Wer sich da bei wem bedient, ist nicht immer klar auszumachen. Feststeht, dass die Fiktion allseits am Werke ist. Ein Umstand, den man als TouristIn selber erfahren kann, ja, mancherorts auch enttäuscht erfahren muss. Dann etwa, wenn die im Prospekt textlich versprochene und fotographisch wiedergegebene „schöne Aussicht“, die man an Ort und Stelle fürs eigene Album gerne selber fotografieren möchte, sich als Illusion, das heisst, als beschönigter Ausschnitt, erweist.

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Literarischer Dalaschlucht-Spaziergang mit Peter Weber. (Foto: Jonas Ludwig Walter)

Man sitzt etwa auf der angepriesenen Sonnenterrasse ein ‚Landschaftsbild’ vor Augen, dessen Rahmen durch Baustellen und dem allerorts anzutreffenden, dem Tourismus eigenen Mobiliar, wenn nicht zerstört, dann doch aber immerhin erheblich gestört wird.

Und dass es sich mit den panoramawerbenden Hotels oftmals anders verhält als Beschrieben, davon zeugen heute die zahlreichen Ratingplattformen. Doch, ob fiktional oder nicht, Hotels sind so oder so ein spannendes Feld, auch, aber nicht nur in der Literatur.

Schau- und Showplätze

Hotels spielen als Schauplätze in der Literatur eine wichtige Rolle, mit Hotelromanen liessen sich ganze Bibliotheken füllen. Dieser ‚Ort’ scheint bis heute die Phantasien zahlreicher Autoren zu beflügeln. Prominent sind etwa Thomas Manns ‚Zauberberg’, dessen ‚Tod in Venedig’ oder ‚die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull’, der ebenfalls in Hotelszenerien spielt; man denke ferner auch an Joseph Roths berühmtes ‚Hotel Savoy’. Auch in der Schweizer Literatur lassen sich zahlreiche Hotels finden, so etwa in Friedrich Dürrenmatts ‚Durcheinandertal’ oder in Meinrad Inglins lesenswertem ‚Grand Hotel Excelsior’.

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Lukas Bärfuss liest im Garten des Hotels Regina Terme. (Foto: Jonas Ludwig Walter)

Wenn sich ‚Menschen im Hotel’– so lautet der Titel eines Romans der Schriftstellerin Vicky Baum – versammeln, kommen (eigentlich überflüssig zu erwähnen) viele soziale Wirklichkeiten zusammen: Die Reichen und Schönen, Emporkömmlinge und Absteiger treffen auf die untergebenen Angestellten. Das Hotel ist neben einem Ort der Ruhe und des Rückzugs (nicht nur in der Literatur) ebenso der Ort für Hochstapeleien, Intrigen, Verbrechen, aber auch Affären. Mit anderen Worten also ein Ort, an welchem sich zig Geschichten, die ganze Palette der menschlichen Möglichkeiten, entfalten können.

Ein in zahlreichen literarischen Werken des frühen 20. Jahrhunderts beliebtes Thema beinhaltet die Verführung der noch nicht ganz ins heiratsfähige Alter gekommenen Mädchenfigur. Sog. ‚Backfische’ erwiesen sich in diesem vielschichtigen Milieu nicht selten als leichte Beute für ihre oftmals dubiosen Umwerber. Wer sich mit dieser problematischen und nicht selten tragisch endenden Thematik auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich als Ferienlektüre Stefan Zweigs „Untergang eines Herzens“, Franz Werfels „Hoteltreppe“ oder Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“.

Ob es bereits einen Wellnessroman gibt, ist mir nicht bekannt. Gut möglich aber, dass sich – wenn nicht bereits geschehen – eine(r) der 25 SchriftstellerInnen, die sich dieses Wochenende in Leukerbad versammeln, der Thematik annehmen wird, denn literarisierbare Geschichten und Material werden die Anwesenden, so sie denn neben den Lesungen überhaupt zum Beobachten kommen zur Genüge vorfinden, denn Hotels sind eine unerschöpfliche Quelle für literarischen Stoff; dies sollte man bedenken wenn man sich im Wasser der hoffentlich auch ewig sprudelnden Quelle entspannt.

Übrigens: Davon, wie eine Jungfrau an diesem Tagungsort zu ihrem Kind kommt, handelt eine kurze Erzählung von Alexander Kluge.

 

>> Bericht von Christian über das letztjährige Literaturfestival in Leukerbad

>> Ankündigung des #ILL14 auf Westnetz

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