Männermode im Frühjahr 2015 – weit, sportlich und blau-orange


Wer sich in den angesagten Skinny-Jeans und hautengen Anzügen der vergangenen Jahre gefühlt hat, wie ein Bär hinter Zirkusgitterstäben, darf sich dieses Jahr freuen. Wie die Pariser Modenschau gezeigt hat, befreit sich die Männermode 2015 aus dem Gefängnis des körperbetonten Slim-Styles und geht in die Breite. Männer sind schließlich das starke Geschlecht und sie als schmale Silhouetten zu verkleiden, verkompliziert die Dinge und kann fast nur Verwirrung und Verwechslung bringen. Vorbei sind jetzt offenbar die Zeiten, in denen Frauen die eigenen Klamotten am Morgen mit denen des Liebsten verwechselt haben und versehentlich in dessen Jeans zur Arbeit erschienen sind. Der verwechslungsgefährliche Slim-Style der Männermode hat sich augenscheinlich verdünnisiert und die Trends für das Frühjahr versprechen den Tragekomfort, der den Kreationen der letzten Jahre gefehlt hat.

Bye, bye Slim-Style in der Männermode 2015

Der muskulöse Mann ist wieder im Kommen und der braucht in seinen Hosen und Hemden nun mal Platz, denn im Slim-Style fühlt er sich wie ein Dobermann in der Chihuahua-Spielstunde. Deshalb werden Hosenbeine, Hemden und Jacken in diesem Frühjahr breiter. Auch die Shirts und Pullover lösen sich von Körper und statt hautengen Hemden sind Blousons und Parker mit Kapuzen wieder in. Ein Tanktop darunter und Sneakers an die Füße, schon ist das Outfit zusammengestellt. Hat Mann in den letzten Jahren für das Styling doppelt so lange gebraucht wie die Liebste, so hat sich auch das jetzt glücklicherweise erledigt. Damals kostete es einen schon eine halbe Stunde bis Stunde, sich in die Slim-Wear zu stopfen. Die gegenwärtigen Trends eignen sich dagegen dazu, lässig übergestreift zu werden, denn eng und steif ist in diesem Jahr erleichternder Weise nicht mehr. So wie das für die Freizeitbekleidung gilt, gewinnt es auch für die Arbeitsbekleidung an Gültigkeit. Auch im Job wird es dieses Jahr nicht allzu steif oder eng. Stattdessen trägt man lässige Jeans und coole Sakko in komfortablen Schnitten. Der moderne Mann fährt morgens schließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder sogar dem Fahrrad zur Arbeit und da will er sich bestimmt nicht eingezwängt fühlen.

Lässige Styles unter dem Einfluss der Sportswear

Lässig ist ein Schlüsselwort der Saison. Die neue Lässigkeit erreichen die Modetrends 2015 in der Männerwelt durch den großen Einfluss der Sportswear. Wie angenehm, wenn Mann sich nach dem Joggen nicht einmal umziehen muss, um auf eine angesagte Party zu gehen. Das ist natürlich eine Übertreibung, denn wer will schon verschwitzt auf der Feier ankommen. Wahr ist aber zumindest die Tatsache, dass der Jogging-Style in den aktuellen Modetrends der Männerwelt eine dominante Position einnimmt. Das bezieht sich nicht nur auf die Formen, sondern auch auf die Materialien. Sündteure Edelmaterialien waren einmal. Angesagt sind im Frühjahr dagegen zum Beispiel Mesh und Neopren, wie sie eben auch für die Sportswear eingesetzt werden. Thermisch isolierend, das ist Neopren und atmungsaktiv sowie durchlöchert, das ist Mesh. Na, da war die Vorstellung von der Jogging-Runde zur Party vielleicht nicht einmal so weit hergeholt, denn in Mesh schwitzt Mann nicht einmal besonders. Das gilt insbesondere dann, wenn die Hemden ärmellos geschnitten sind. Genau das ist ein weiterer Trend der Saison. Wie gesagt ist der muskulöse Mann wieder in und der darf seine Muskeln schließlich auch zur Schau stellen. Sogar das Sakko verliert 2015 die Ärmel: das Gilet ist wieder modern. Ob man die eigenen Arme nun wirklich offen herzeigen möchte oder darunter etwas mit Ärmeln tragen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Auf den Modeschauen der vergangenen Monate waren beide Varianten zugegen.

Orange is the new Man

Auch farbtechnisch zeichnen sich erste Trends für die Männermode im Frühjahr 2015 ab. Die Denim-Jeans der Saison werden zum Beispiel vorwiegend im Bleached-Look daher kommen. Sneakers sind oft kalkweiß und auch sonst scheint der Trend eher der maskulinen Farbgebung entgegen zu gehen. Ein echter Mann ist eben Blau. Nein, nicht betrunken, sondern marineblau. Neben dem Blueman-Stil bestimmten Schwarz und Weiß die Oberbekleidung. Damit Mann in diesen Farben aber nicht wirkt, wie ein monochromes Kupferstichgemälde, haben sich einige frische Akzente eingeschlichen, die der neuen Mode eine eigene Dynamik geben sollen. Für Damen war Orange in der vorausgegangenen Saison schon Trend, jetzt zieht die Männerwelt offenbar nach. Orange ist the new man, das ist das Motto dieser Farbtupfer und zwar Orange in allen erdenklichen Varianten. Es darf subtil sein, ebenso gerne nimmt man aber ein auffälliges Orange, so leuchtend wie eine Warnweste bei Nacht. Fruchtig frische Papaya-Töne sind genauso angesagt und lassen den Mann von Heute wortwörtlich zum Anbeißen wirken. Ob nun auf Gürteln, an den Füßen oder als Shirt in Apricotfarben. Der Mann von heute hat Feuer, daher sind sogar feurige Töne Richtung Rot erlaubt. Auch die Sneaker als mit wichtigste Ausstattung des modebewussten Mannes im Frühjahr 2015 dürfen in starken Farben auftreten. Bunte und neonfarbene Modelle sind angesagt. Die aufregenden Farbtöne sind aber mit Vorsicht zu genießen, denn helle Hauttypen wirken in zu kräftigem Orange und Neon gerne so weiß, wie eine frisch gestrichene Wand in der Mittagssonne. Apropos Weiß – auch „all white everything“ ist ein saisonaler Trend, der allerdings großen Mut voraussetzt. In einem oversized Outfit, das komplett in Weiß gehalten ist, wirkt Mann eben schnell wie ein Sektenanführer. Schmutzen tut das ganze leider auch, so kann aus „all white everything“ schnell „all black everything“ werden und damit an die überdimensionale Kutte eines Mönchs erinnern.

Männer Tragen Orange
Männer Tragen Orange, wie eine Recherche u.a. bei Columbia Sportswear

Geradlinige Muster und extravagante Prints aus der Tierwelt

Damit es nicht langweilig wird, hat die Männermodenschau in Mailand ein paar neue Motive und Ornamente in die Runde der Männerbekleidung geworfen, die den vorwiegend babyblauen Stücken zu etwas Abwechslung verhelfen sollen. Neben übergroßen Nähten auf den dunkelblauen Jeans standen Tiere und Pflanzen im Mittelpunkt. Einen Mann so mutig, wie ein Stierkämpfer, das wünscht sich schließlich jede Frau. Daher hat Dolce & Gabbana den spanischen Stierkampf als übergeordnetes Motiv vorgestellt, der wie auch die Pariser Modenschau die Farben Orange und Rot in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Etro setzt dagegen eher auf Food, speziell auf Gemüse aus afrikanischen Gefielden. Von diesen beiden Motiviken abgesehen kommen die meisten Prints gradlinig und klar daher. Streifen oder Farbblöcke dürfen es sein. Abstrakt geometrische Muster sind dagegen eher der Einzelfall. Für alle Motive gilt grundsätzlich eine eher gewagte und extravagante Mustergebung in der neuen Männermode. Nicht einmal feminin anmutende Motive wie Schmetterlinge auf weiten Jacken sind in dieser Saison noch ein No-Go und das müssen sie auch nicht sein, denn am muskulösen Mann in weiten und legeren Schnitten verlieren sie den verspielten und femininen Touch und werden zu einem aufregenden Kontrast. Insgesamt zeigt die Mailänder Show neben den besagten Prints vor allem eine Rückbesinnung auf Nüchternheit. Die weiten, weich fallenden Formen der Pariser Modenschau sind aber auch hier vertreten.

Die Trends der Saison in fünf Stilen

Vom sportlichen Typ bis hin zum jungen Klassiker: In dieser Saison ist für nahezu jeden Mann etwas dabei, denn die beschriebenen Schnitte und Farben fügen sich in grundverschiedene Stile ein. Allen modebewussten Männern stehen so für den Frühling 2015 rund fünf verschiedene Stile zur Verfügung: Der Stil des Sportsman, der Italian-Style, der Denim-Rebell, Ninja oder Minimal-Dresser. Es mag nicht danach klingen, aber gerade der klassische Sportsman ist ein allroundfähiger Stil, der casual sowie urban daher kommt. Freunde des Vintage-Stils können sich dagegen eher im used-destroyed Stil des Denim-Rebellen ausleben und in Ganzkörper-Jeans-Optik den Rocker ins sich entdecken. Der Ninja-Stil gibt der Sportswear wiederum einen futuristischen bis düsteren Gothic-Touch und eignet sich nahezu perfekt für städtische Trendsetter. Im Italian-Style wird es dagegen luftig, leicht und zuweilen etwas dandyhaft. Statt klassischen Sneakers trägt man im Italian-Style leichte Slipper und selbstverständlich keine Socken. Der Minimal-Dresser setzt wiederum auf Monochromie, Purismus und annähernd perfekte Proportionen. Besonders mutige Minimal Dresser versuchen sich am „all white everything“ und fallen damit zumindest sicher ins Auge. Für alle fünf Stile gelten die oben genannten Regeln: Sportlich und weit sollte es sein. Auch Blau-orange zeugt in dieser Saison selbstverständlich immer von Modebewusstsein. Da Blau in diesem Jahr von zartem Babyblau über violett anklingendes Himmelblau bis hin zu Dunkelblau reicht, hat Mann hier alle Möglichkeiten, die Farbnuance seinem persönlichen Typ anzupassen. Dasselbe gilt auch für Orange, das mit Variationen zwischen Neon und Papaya nahezu jedem Typ gerecht wird. Fans des Understatement kommen diese Saison mit dem Minmal Dresser genauso auf ihre Kosten wie solche der großen Show, die sich im Ninja-Stil vielleicht besser verpackt fühlen. Das klingt nach einer abwechslungsreichen und freien Saison, denn wie schon gesagt: Wichtigstes Merkmal der aktuellen Trends ist die Befreiung des metaphorischen Bären aus dem Zirkuskäfig. Eine vielseitige und freie Saison hat sich Mann letztlich auch verdient gemacht, denn seit einigen Jahren kauft er sogar mehr Luxusprodukte als die Frau ein und steht der weiblichen Schöpfung in Sachen Modebewusstsein längst in nichts mehr nach. Anders als in so vielen vorausgegangenen Saisons zeigen die neuen Trends eine Alltagstauglichkeit, die den Ansprüchen moderner Männer tatsächlich gerecht werden kann. Dass sich der Mann von heute grundlegend vom Mann vor einem Jahrzehnt unterscheidet, hat endlich auch die Modewelt erkannt und die aktuellen Trends daraufhin besser auf den modernen Alltag der Männerwelt abgestimmt. Was die nächste Saison bieten wird, bleibt dementsprechend spannend, aber jetzt erst mal viel Spaß mit den Trends des Frühjahr 2015.

Fotos: Pressebilder Columbia Sportswear

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